Törnbericht: Greifswalder Bodden mit der „Azimut“

Törnbericht: Greifswalder Bodden mit der „Azimut“

Von Ralf Schaepe

Nach mehreren Jahren mit einem 15er Jollenkreuzer haben wir im Frühjahr 2012 eine gebrauchte Delanta 80 gekauft. Die liegt in Barth, in Ostdeutschland. Barth findet man auf der Landkarte gegenüber dem bekannteren Zingst.

Seitdem haben wir mehrere Touren mit der Azimut gesegelt: Rund Rügen (gemächlich im Urlaubstempo) oder rund Usedom etwa.

In diesem Sommer wollten wir einfach nur Segelbummelei betreiben – im Greifwalder Bodden – der ist im Südosten von Rügen und verbindet die Ostsee mit dem Strelasund.

Der Törn beginnt logischerweise in Barth…

Montag, 18. August 2014

So wir sind wieder an unserem Boot, dessen eidottergelbe Rumpffarbe wir im Mai in mühsamen elf Tagen Schleiferei, Pinselei und Endbehandlung wieder herauspoliert haben.

Die "Azimut" in ihrem Heimathafen in der Marina Barth.
Die „Azimut“ in ihrem Heimathafen in der Marina Barth.

Erste Inspektion: Boot schwimmt. Das ist schon mal gut. Weniger gut ist der Zustand unserer Kuchenbude. Kuchenbude nennt man beim Segeln den Persenningaufbau, der das Cockpit wie ein Zelt umhüllt, und der den Lebensraum an Bord auch bei schlechtem Wetter mal eben verdoppelt. Kurz gesagt, der Reißverschlusss ist hin, weil er die ganze Zeit unter zu starker Spannung benutzt wurde. Das bedeutet: wenns regnet, regnet es rein. Also werden wir das Ding gleich zum Segelmacher bringen. Der trennt den Reissverschluss auf, näht ein Stück Stoff dran, damit der neue Reißverschluss anschließend nicht wieder zu stark gespannt wird. Und weil das ganze nur mit Spezialnähmaschinen geht, die stabil genug sind, den starken Stoff zu bearbeiten, kostet der Spaß so rund 140 Schleifen. Die Alternative wäre, dass uns das Ding über kurz oder lang in Fetzen geht, zumal für heute Windstärke 8 angesagt ist. Überhaupt der Wind: Der tackert uns die nächsten Tage hier im Hafen fest, weswegen wir Euch vorerst mit Details aus dem Hafenleben unterhalten werden. Gruß an die Heimat…

 

Dienstag, 19. August 2014

Ich liebe die frühen Morgenstunden auf dem Boot im Hafen. Wenn das Wetter nicht so dolle ist: macht nix. Tässken Kaffee ansetzen (löslich; ist praktischer an Bord), meine kleine Seglerheizung anwerfen, deren Prinzip von Seglern in den 60er Jahren beschrieben worden ist. Ein kleiner Kocher – und darauf kommt ein umgedrehter Blumentopf. Das gibt zusammen einen Minikamin mit erstaunlichem Heizwert.

GBBild002Dann wirds muckelig, der Hafen schläft noch, die Sonne krabbelt über eine Wolkenbank und ich hole mir über windfinder.de die ersten Wetterinformationen. Dann einfach nichts sagen, nicht viel denken und durchs Folienfenster gucken.
Gestern war schon mal ein brauchbarer Tag. Der Segelmacher hatte unsere Kuchenbude wie versprochen um halb eins fertig repariert, und nun wölbt sich wieder eine 1a-Zeltkuppel über das Cockpit. Dazu war die Reparatur noch 30 Euro billiger als vorhergesagt.
Am Nachmittag gab es Besuch aus Stralsund: Susanne hat dort Freunde, die seit Jahren in einer der schönsten Städte Deutschlands leben. Die wollten eigentlich auch gerne eine Runde mit raussegeln. Das hatte sich dann aber wegen Windstärke 8 erledigt. In ein paar Tagen sind wir in Stralsund, und dann holen wir das nach.
Der Wind wird heute etwas schwächer als gestern, aber immer noch zu stark zum Segeln: 6, in Böen 7.
So, während Ihr jetzt arbeiten geht, kram ich mein Buch vor: „Schauerböen, sonst gute Sicht“. Der Autor Helge Janßen erzählt über sein Seglerleben an der Ostsee. Gerade geht es um die Zeit des Mauerfalls, und wie Segler Ost und West sich erstmals besuchen konnten. Schönen Tach noch… Gruß aus Barth.

 

Mittwoch, 20. August 2014

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Die Bilgepumpe: auch nicht ganz unwichtig auf einem Boot…

Wie Ihr seht, ist das hier kein Foto von einem Sonnenuntergang oder einem Sonnenaufgang. Das liegt daran, dass das Leben der Sonne und unser Leben im Moment kaum Berührungspunkte hat, weil wir uns gegenseitig wegen einer doch recht kompakten Wolkendecke einfach nicht sehen können.
Dazu liegen wir weiter im Hafen von Barth und bewundern, mit welcher Kraft so ein Wind doch blasen kann. Für Bootseigner ist so ein Wetter immer auch ein Zeichen, sich auf den eigentlichen Sinn des Lebens zu besinnen: Das Instandhalten und Reparieren der Bootstechnik.
Mein Anlasser ist zur Inspektion beim Monteur, und ich lege selbst Hand an die elektrische Bilgepumpe an. Deren Zweck ist es, Wasser aus den Tiefen des Motorraumes nach außen zu befördern. Der derzeitige Zustand liegt in Schulnoten ausgedrückt bei 5- : offen herumschlabbernder Schalter, fliegende Drähte und dazu Schläuche, die über die Jahre dermaßen verhärtet sind, dass sie eher brechen als sich biegen zu lassen.
Also: Leitungen ordentlich verlegen und verbinden, neuen Schalter in neuer Schutzdose verbauen, neue Schläuche anschließen- siehste woll, so geht ein Vormittag gottgewollt herum. Zustand jetzt: so um die 3+.
Immerhin, morgen soll das Wetter besser werden, und dann wollen wir in Richtung Stralsund. Mal schauen, ob das klappt. Gruß an die Heimat aus Barth.

 

Donnerstag, 21 August, Barth

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Die „Azimut“ unter Segeln.

Kaum zu glauben; segelbarer Wind. Wir machen uns auf den Weg von Barth nach Altefähr. Das sind ca. 21 Seemeilen.

Da unser Boot in Barth seinen Heimathafen hat, müssen wir erst aus dem Bodden heraus, um richtiges Ostseewasser zu bekommen. Der Weg führt über viel betonntes Fahrwasser. Der Bodden ist streckenweise flach. Sehr flach. Außerhalb der Fahrrinne sind es teilweise nur ein paar Zentimeter Wasser, die über dem Grund vor sich hin plätschern. Und die Rinne selbst ist zeitweise recht eng.

Auf dem Seg passieren wir Barhöft – Barhöft ist eine Art Kreuzungs- und Rastpunkt für alle, die zwischen Bodden, Ostsee und Strelasund hin und her wollen.

Wir lassen Barhöft rechts liegen und fahren durch bis Altefähr. Das ist unser kleiner Lieblingshafen gegenüber von Stralsund.

Stralsund selbst ist eine wunderschöne Stadt, aber zum Schlafen an Bord mögen wir es lieber ruhig, und eine Übernachtung in Altefähr ist schon fast Tradition bei uns. Morgen geht es durch den Strelasund weiter nach Stahlbrode.

 

Samstag, 23. August 2014, Stahlbrode.

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Stahlbrode ist ein freundlicher kleiner Hafen im Strelasund. Der Verein, der ihn betreibt hat aber anscheinend Ärger mit der Kommune, die den Hafen jetzt betreiben will. Haben uns Segler erzählt.

Morgens um sechs ist die Welt auf jeden Fall in Ordnung. Unsere „Azimut“ liegt noch etwas verschlafen im Hafen von Stahlbrode. Die aufgehende Sonne wird soeben etwas leuchtender als das Feuer der Hafeneinfahrt.
Schrieb ich die Tage noch leicht ironisierend vom fehlenden Sonnenaufgang? Nun, er ist wieder da. Und das Wetter hat sich etwas überraschend gebessert – auch der Wind wird in den nächsten Tagen handiger. Das bedeutet so Stärke 4-5 und ist sehr angenehm zu segeln – vor allem windabwärts.
Stahlbrode ist unser Tor zu einem schönen Segelrevier. Ein kleines Dorf auf der Festlandseite des Strelasunds. Gegenüber sehen wir Rügen und vor uns in etwa 20 Meilen Entfernung liegt Greifswald (beim Segeln misst man grundsätzlich in Meilen). Damit segeln wir gleich so gegen 10:00 Uhr in den Greifswalder und Rügischen Bodden. Dort findet man lauschige Dörfchen mit Fischereihintergrund, viel Landschaft und die Insel Vilm. Vilm war die abgeschottete Urlaubsinsel der Mitglieder des DDR-Ministerrates. Jetzt ist sie Naturschutzgebiet und nur sehr begrenzt zugänglich. Einfach so anlegen und herumgucken geht nicht. 30 Leute können dort täglich geführte Besuche unternehmen.
Ach ja, ich hatte in einem vorhergehenden Eintrag das Buch von Helge Janßen erwähnt „Ein Seglerleben auf der Ostsee“. Darin schrieb er von der Begegnung der Segler Ost und West nach der Wende. Die Westsegler erfuhren von den Ostseglern, dass deren Seekarten an der DDR-Grenze schlicht aufhörten. Keine Bezeichnung von Tonnen oder Untiefen. Für Segler, die in den Westen fliehen wollten war das Auflaufen auf eine Untiefe fast unausweichlich, wenn man keine Westkarten hatte. Das sozialistische „Meer des Friedens“ hatte einen noch engeren Horizont als die Seekarten des Mittelalters.

 

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Wenns schön ist, dann ist die Segelei richtig schön: Guter Wind, schönes Wetter, flottes Boot…

 

Sonntag, 24. August, Lauterbach

Samstag Morgen war es zum größten Teil eine feine Fahrt. Wind von vier bis fünf schob unsere Azimut von Stahlbrode vier Stunden lang über den Greifswalder Bodden in Richtung Lauterbach.
Die fünfte Stunde war etwas grummelig. „Stralsund Traffic“ brachte über Funk eine Gewitterwarnung mit Böen um 8. Eine halbe Stunde später braute sich hinter uns eine Wolkenwand zusammen. Bevor die angekündigten Böen mein armes Segel zerfetzen konnten, rollten wir es ein und warfen den Diesel an. Das Gewitter war dann aber doch nur halb so schlimm. Erst als wir schon sicher im Hafen lagen, kam ein zweites Grollen und Pfeifen und kündigte neues Wettertheater an. Das konnte ich dann aber in Ruhe von der Hafenmole aus angucken.
Lauterbach hat mittlerweile ein komplettes Yachtzentrum mit Hafen, schwimmenden Ferienhäusern und allerhand Infrastruktur, die sich Investoren so ausdenken, wenn sie etwas für Segler in die Landschaft setzen wollen. Allerdings geht bei solchen Investitionsprojekten auch Charme verloren. Der Hafenmeister ist kein oller Seebär mit Mütze auf dem Kopf und Pfeife im Mund sondern besteht aus zwei Angestellten, die gleichzeitig den Kiosk betreiben. An unserem Steg liegt eine Flotte sauteurer Charteryachten, teilweise von einer Größe, die Kolumbus als ausreichend betrachtet hätte, Indien zu finden.

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Wir halten uns gleich an den alten Hafen, der direkt nebenan liegt. Heute ist Hafentag, wir haben Zeit genug zum Herumflanieren und vielleicht auch dazu, die gegenüber liegende Insel Vilm zu besuchen. Montag geht es weiter nach Gager, das einen sehr hübschen Hafen haben soll.

 

Montag 25. August, immer noch Lauterbach…

In Lauterbach haben wir einen Tag herumgegammelt und wollen heute weiter nach Gager. Mein kleiner elektronischer Helfer assistiert mir bei der Planung der Route: Es sind knapp 10 Meilen bis Gager, und damit wird es eine relativ kurze Segelei. Den Ort haben jetzt schon mehrere Segler empfohlen – unter anderem wegen des schönen Blicks auf den Bodden. Etwa zweieinhalb Stunden werden wir brauchen.

Route Lauterbach Gager
Routenplanung am Laptop mit Navigationssoftware. Der rote Strich ist die Sollroute. Manchmal stimmt sie mit der Istroute überein…

Die Wetteraussichten: Später bedeckt, Wind vier bis fünf Beaufort aus West – also die meiste Zeit Rückenwind.
Mit dem GPS-Plotter auf dem Laptop spielen ist eine feine Sache; man kann Routen planen und der Rechenknecht piept dann während der Fahrt, wenn man die Route nach links oder rechts verlässt. Allerdings habe ich die Navigation old school auf Papierkarte gelernt, und im Cockpit liegt immer die Karte. Der Rechner läuft mit, und wenn er piept, ist das Anlass für eine Plausibilitätskontrolle.
Die Routennavigation per GPS hat nämlich ein paar Tücken. Eine davon: Man neigt dazu, in den teils engen Fahrwassern als Wegepunkte die eingezeichneten Tonnen zu nehmen. Weil GPS so supergenau ist, ist es schon vorgekommen, dass Segler genau auf eine Tonne gerummst sind, weil die Routenplanung eben dahin geführt hat.

 

Mittwoch, 27. August, Greifswald

Morgääähhhhn….wie war es in Gager?, fragt Cornelia über Facebook. (Ich habe wenn möglich immer einen kurzen Bericht über die Segelei bei Facebook eingestellt). Antwort: Keine Ahnung- wir waren nicht in Gager. Und das kam so: Beim Versuch, den Motor in Lauterbach zu starten, passiert nichts. Kein Mucks. Üblicherweise ist der Fehler, den man finden will dort zu suchen, wo man zu allerletzt guckt. Zuletzt hatte ich die Starterbatterie ausgebaut und gemessen. Der Voltmeter zeigte an, dass das gute Stück praktisch im Sekundentakt Volt im Nachkommabereich verlor. Diagnose: Batterie ist hin.
Bootsbatterien leiden üblicherweise mehr als Autobatterien. Während beim Auto die elektrischen Verbraucher meist nur laufen, wenn das Auto auch fährt (und damit die Batterie geladen wird), ist das beim Boot anders. Verbraucher laufen während des Segelns und manchmal auch im Hafen, wenn man keinen Stromanschluss hat. Ist ja auch egal: Batterie ist hin. Der Bootszubehörladen hatte zu, also bis zum nächsten Tag (Dienstag) warten, Batterie kaufen und einbauen.
Da mussten wir aber schon nach Greifswald, denn wir hatten Susannes Freunden aus Stralsund versprochen, sie zu einer nachmittäglichen Segeltour einzuladen, und dazu wollten sie extra nach Greifswald kommen.

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So sind wir Dienstag mittags bei nachlassendem 3er-Wind los nach Greifswald gesegelt. Haben die Familie um 16 Uhr an Bord genommen und sind wieder rausgesegelt – und dann gab es einige dieser Stunden, die einen glauben lassen, dass das Paradies doch auf Erden zu finden sein kann. Prächtiger Wind zwischen 3 und 4, Sonne, zwei begeisterte Jungen, die sich am Steuer abwechseln, angenehme Welle und schöne Fahrt auf dem Greifswalder Bodden. Das Wasser rauscht und gluckert und glitzert und auch Plappermäuler halten zwischendurch inne, weil man da von innen diese aufsteigende Zufriedenheit spürt und ganz und gar in der Gegenwart lebt. Der Begriff „Glücklich sein“ ist schon sehr nah dran an diesem Gefühl. Auf dem Rückweg hat der Sonnenuntergang unsere Hafeneinfahrt vergoldet, dann sind wir langsam in unsere Parkbox getuckert. Der ganze Zauber, den das Segeln zu bieten hat unverhofft und konzentriert. So ein Tagesabschluss unter Segeln versöhnt mit allem.
Und deshalb, Cornelia, haben wir dieses mal Gager nicht gesehen. Gruß aus Greifswald: Ralf und Susanne.

 

Donnerstag, 28. August, Stahlbrode

Gestern abend in Stahlbrode an der Hafenmole… der Urlaub geht zuende, und wir befinden uns auf der Rückfahrt. Noch eine Zwischenstation in Altefähr, und dann wieder durch die Barhöfter Rinne in unseren Bodden und in Richtung Barth.

Das besondere an unserer Segeltour diesmal war, dass es nicht besonderes gab. Im Gegensatz zu den beiden vorherigen Touren mit unserer „Azimut“ hatten wir kein Ziel. Kein Rügen und kein Usedom, das umrundet werden wollte. Keine Seemeilen, die minimum am Ende geloggt werden sollten, sondern einfach nur ein bisschen Schaukeln auf dem Greifswalder Bodden. Hat ja trotz Wind auch geklappt. Im Oktober besuchen wir unsere „Azimut“ noch einmal, um sie winterklar zu machen, und vorher vielleicht noch ein bisschen zu segeln.